Ein Jahr nach der TI-Anbindungspflicht: Zwischen Fortschritt und Systemumbau
Für Leistungserbringer ergibt sich daraus eine veränderte betriebswirtschaftliche Perspektive. Die Digitalisierung rund um die Telematikinfrastruktur ist kein abgeschlossenes Investitionsprojekt, sondern ein fortlaufender Anpassungsprozess.

Die zentrale Frage verschiebt sich zunehmend: Neben der Anbindung selbst rückt stärker in den Fokus, welche Veränderungen die TI im Versorgungsalltag tatsächlich bewirkt. Welche Fortschritte sind sichtbar – und wo bleibt der erwartete Nutzen bislang aus? Gleichzeitig richtet sich der Blick bereits nach vorn: Die nächste Entwicklungsstufe der TI ist in Vorbereitung.
Das Wichtigste in Kürze:
- Die TI-Anbindung ist weitgehend umgesetzt, doch der konkrete Nutzen im Versorgungsalltag zeigt sich bislang nur schrittweise.
- Digitale Anwendungen wie die ePA werden genutzt, sind aber noch nicht durchgängig in Abläufe integriert.
- Investitionen in Technik und Infrastruktur wirken zeitverzögert und führen zunächst zu zusätzlichen betrieblichen Aufwänden.
- Digitalisierung entwickelt sich damit von einem Einmalprojekt zu einer dauerhaften Steuerungsaufgabe – auch mit Blick auf die Weiterentwicklung zur TI 2.0.
Erste Nutzung sichtbar – aber noch keine flächendeckende Routine
Ein wichtiger Indikator für den Stand der Digitalisierung ist die Nutzung konkreter Anwendungen. Besonders deutlich wird dies bei der elektronischen Patientenakte (ePA).
Ein Jahr nach ihrer breiten Einführung zeigt sich laut gematik:
- Rund 73 Millionen elektronische Patientenakten wurden angelegt
- Mehr als 100 Millionen Dokumente eingestellt
- Wöchentlich erfolgen über 21 Millionen Abrufe von Medikationslisten
Diese Zahlen machen deutlich: Digitale Anwendungen wie die ePA sind im Versorgungssystem angekommen. Ob sie bereits spürbar zur Entlastung im Arbeitsalltag der Pflege beitragen, lässt sich daraus jedoch nur begrenzt ableiten. Denn die Resonanz zur Umsetzung der ePA in den Pflegesoftwaresystemen ist anhand des TI-Scores aus Mai 2026 bislang eher verhalten.
Zwischen Investition und Wirkung: Eine verzögerte Entwicklung
Die bisher noch uneinheitliche Nutzung ist auch aus wirtschaftlicher Sicht relevant. Viele Leistungserbringer haben in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in Technik, Infrastruktur und Prozesse getätigt.
Im laufenden Betrieb zeigt sich jedoch, dass die erwarteten Effizienzgewinne nicht unmittelbar eintreten. Damit entsteht ein typisches Muster für Transformationsprozesse: Die Investition erfolgt zu Beginn, die Wirkung setzt zeitverzögert ein. Hinzu kommt, dass organisatorische Anpassungen und Schulungsbedarfe häufig unterschätzt werden.
Gleichzeitig ist ein Fortschritt erkennbar: Die grundsätzliche Bereitschaft zur Digitalisierung hat in der Branche zugenommen, und viele Einrichtungen haben sich strukturell auf die neuen Anforderungen eingestellt.
TI 2.0: Der strukturelle Wandel steht noch bevor
Parallel zur aktuellen Nutzung verschiedener Anwendungen wird die Telematikinfrastruktur bereits grundlegend weiterentwickelt. Die sogenannte TI 2.0 markiert dabei einen strukturellen Wandel: weg von lokal betriebener Hardware, hin zu zentralen, plattformbasierten Lösungen.
Ziel ist es, technische Komplexität zu reduzieren und Anwendungen besser miteinander zu vernetzen. Künftig sollen zentrale Dienste auf einer gemeinsamen Infrastruktur bereitgestellt werden, statt isoliert nebeneinander zu bestehen.
Ein wichtiger Bestandteil dieser Entwicklung sind digitale Identitäten. Sie ersetzen schrittweise physische Karten wie bspw. die Institutionskarte (SMC-B) und sollen so den Aufwand für Wartung und Betrieb reduzieren. Die TI entwickelt sich damit von einer technischen Infrastruktur zu einer digitalen Plattform, die stärker auf Integration und Nutzung ausgerichtet ist.
Neben der technischen Grundlage werden auch die Anwendungen selbst weiterentwickelt. Im Vordergrund stehen dabei vor allem Erweiterungen bestehender Systeme, etwa der elektronischen Patientenakte. Geplant sind zusätzliche Funktionen, die die Nutzung im Alltag erleichtern und den praktischen Mehrwert erhöhen sollen.
Wirtschaftliche Einordnung: Steuerung statt Einzelinvestition
Für Leistungserbringer ergibt sich daraus eine veränderte betriebswirtschaftliche Perspektive. Die Digitalisierung rund um die Telematikinfrastruktur ist kein abgeschlossenes Investitionsprojekt, sondern ein fortlaufender Anpassungsprozess.
Im Zentrum steht dabei weniger die einmalige Anschaffung als die laufende Steuerung zusätzlicher Anforderungen im Betrieb:
- wiederkehrende Kosten für Betrieb, Wartung und Updates,
- zusätzlicher Aufwand für Schulung und Prozessanpassung,
- temporäre Doppelstrukturen während der Integration neuer Anwendungen,
- weitere Investitionen im Zuge der Weiterentwicklung zur TI 2.0.
Ein strukturierter Finanzierungsmix kann dazu beitragen, Investitionen und laufende Aufwände besser auszubalancieren und Liquidität zu sichern. In diesem Zusammenhang kann auch Factoring eine Rolle spielen, indem es planbare Zahlungseingänge unterstützt und finanzielle Spielräume stabilisiert – insbesondere in Phasen, in denen zusätzliche Kosten entstehen, ohne dass sich Effizienzgewinne bereits vollständig realisieren lassen.
Fazit: Die eigentliche Transformation beginnt jetzt
Ein Jahr nach der TI-Anbindungspflicht zeigt sich: Die technische Grundlage ist geschaffen, doch ihr Nutzen im Versorgungsalltag entfaltet sich nur schrittweise.
Die zentrale Herausforderung liegt damit nicht mehr in der Anbindung selbst, sondern in der praktischen Integration in bestehende Abläufe – und in der Frage, ob daraus tatsächlich effizientere Prozesse entstehen.
Für Pflegeeinrichtungen verschiebt sich der Fokus damit deutlich: Digitalisierung wird zur dauerhaften Steuerungsaufgabe. Investitionen, laufende Anpassungen und verzögerte Effekte müssen wirtschaftlich eingeordnet und über einen längeren Zeitraum tragfähig organisiert werden.
Mit der Weiterentwicklung zur TI 2.0 steigen diese Anforderungen weiter. Entscheidend wird daher, digitale Entwicklungen nicht isoliert zu betrachten, sondern sie konsequent in betriebliche und finanzielle Planungen zu integrieren.


