5 Fragen an Jasmin Arbabian-Vogel
Internationale Fachkräfte sind längst fester Bestandteil des Pflegealltags – insbesondere in ambulanten Diensten. Doch während die Notwendigkeit kultureller Vielfalt weithin anerkannt ist, scheitert ihre erfolgreiche Integration in der Praxis oft an fehlenden Strukturen, Unsicherheiten im Team oder unklarer Führung. Im Interview erklärt Frau Arbabian‑Vogel, warum interkulturelle Kompetenz kein „Soft Skill“, sondern eine zentrale Führungsaufgabe ist, wo Betriebe typischerweise an Grenzen stoßen – und welche konkreten Ansätze sich in der Praxis bewährt haben.

Zur Person:
Jasmin Arbabian-Vogel ist Geschäftsführerin der Interkultureller Sozialdienst GmbH in Hannover, einem ambulanten Pflegedienst mit breitem Leistungsangebot, und führt darüber hinaus weitere Pflegedienste. Mit einem multinationalen Team setzt sie sich seit vielen Jahren dafür ein, Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, sprachlichen und religiösen Hintergründen bedarfsgerecht zu betreuen. Nach ihrem Studium der Politologie und Sozialpsychologie gründete sie das Unternehmen und verfolgt bis heute das Ziel, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die von Wertschätzung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe geprägt sind.
Welche Rolle spielt interkulturelle Kompetenz im heutigen Pflegealltag und warum wird sie aus Ihrer Sicht häufig unterschätzt?
Jede zweite Pflegekraft kommt schon heute aus einer anderen Kultur als der deutschen. Bei den Azubis sind es sogar mehr als 50 %. Die Zukunft der Pflege ist international, und das ist gut so! Interkulturelle Kompetenz wird aus meiner Sicht nicht unterschätzt; die Betriebe sind sich sehr wohl im Klaren darüber, dass sie diese fördern müssen, und wollen dies auch. Wo es hingegen hapert, ist eher in der Umsetzung. In Betrieben, deren Teams noch sehr homogen sind und in denen das Thema bisher untergeordnet war, ist die Unsicherheit groß, wie man Menschen mit Diversitäts-Merkmalen optimal in das Betriebsgefüge integrieren kann. Deshalb ist es wichtig, dass die „Best-Practice-Betriebe“ sichtbar werden und ihre Erfahrungen weitergeben. Interkulturelle Öffnung ist kein Hexenwerk, sondern machbar und am Ende auch ein Erfolgsrezept für die Betriebe!
Welche konkreten Strukturen oder Führungsansätze haben sich in Ihrem Unternehmen als besonders hilfreich für die Integration neuer internationaler Fachkräfte erwiesen?
Zum einen unser internationales Team (80 % haben ein oder mehrere Diversitätsmerkmale). Zum anderen unsere divers besetzten Schlüsselpositionen sowie die Implementierung von Praxis- und Onboarding-Anleiterinnen, die die Integration neuer Mitarbeitender eng begleiten. Und über all dem steht natürlich unser Bekenntnis zu Diversität und kultureller Vielfalt.
Wo erleben Sie in der Praxis die größten Missverständnisse zwischen verschiedenen kulturellen Hintergründen – und wie lassen sie sich im Alltag pragmatisch lösen?
Missverständnisse entstehen immer da, wo feste Vorstellungen (oder besser: Vorurteile) vorhanden sind, also eigentlich in jedem von uns und zu jeder Zeit. Niemand ist frei von Vorurteilen oder vorgefertigten Bildern von anderen. Pragmatisch lässt es sich lösen, wenn Teams der Raum gegeben wird, darüber zu reden und wenn es ein Leitungsteam gibt, dass diesen Diskurs konstruktiv moderiert und Selbstreflexion für sich und das Team ermöglicht. Wichtig dabei sind zwei Dinge:
- Eine wohlwollende Grundhaltung, die davon ausgeht, dass alle Mitarbeitenden ein gemeinsames Ziel haben: ihren Job gut zu machen.
- Die Fähigkeit, in den verschiedenen kulturellen Ausprägungen nicht das Trennende, Andersartige zu sehen, sondern das Gemeinsame, Verbindende. Denn Kulturen unterscheiden sich in ihren Kernstrukturen wesentlich weniger voneinander, als wir vermuten. Der Blick auf das Gemeinsame hilft dabei, uns auf Augenhöhe zu begegnen und andere nicht auszugrenzen.
Viele ambulante Dienste verlieren internationale Fachkräfte nach relativ kurzer Zeit wieder. Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Ursachen und was machen erfolgreiche Betriebe anders?
Drei Ursachen:
- Die Mitarbeitenden fühlen sich nicht als Teil der Organisation, sondern als ein „Fremdkörper“.
- Die Mitarbeitenden werden nicht gemäß ihren Kompetenzen eingesetzt, sondern nach Kriterien wie Fachkraftquote und Schichtplänen.
- Ungenügende Kommunikation in Situationen, in denen ein „Erklären“ wichtig wäre, damit gegenseitiges Verständnis für Handeln und Denken entsteht.
Wenn Sie ambulanten Pflegediensten nur einen Rat für die erfolgreiche Führung diverser Teams geben könnten: Welcher wäre das?
Wenn Ihr es ernst meint mit Diversität: Besetzt Eure Schlüsselpositionen mit diversen Menschen – alles andere wäre nicht glaubwürdig.


